Biografiearbeit mit demeziell Erkrankten
Die Biografie eines Menschen beinhaltet alle wichtigen Eindrücke und Erfahrungen, die ihn von Kindheit an bis ins hohe Alter hinein bewusst, aber auch unbewusst, berührt und geprägt haben. Die in den Lebenslauf eingeflochtenen Prägungen kann man mit Sicht auf die biografische Arbeit mit demenziell erkrankten Menschen in drei sich zeitlich überschneidende Prägungsabschnitte unterteilen, und zwar in :
1. Die Jugendzeit (von pränatalen Eindrücken zum Säugling über die Kindheit bis zur Berufsfindung hin). Nach vielschichtigen prägenden frühkindlichen Erlebnissen folgten Pubertät und berufliche Orientierung mit ihren Eindrücken. Nach einer sozialen Grundorientierung und Persönlichkeitsfestigung war diese Phase dann beendet.
2. Die Lebensmitte (vom 20. bis zum 50. Lebensjahr). Mit dem Arrangieren im Berufsleben und der Ableistung des Militärdienstes für die Männer, vergleichbar mit dem damaligen Arbeitsleben von Frauen mit ihrem Pflicht- oder Landjahr, begann die Prägungsphase um die Lebensmitte herum. Durch Kriegs- und Fluchterlebnisse, Heirat und Familenleben inklusive Kindererziehung hatte dieser längste Abschnitt im Bereich des Langzeitgedächtnisses die meisten Prägungen zu verzeichnen.
3. Das Leben im Alter (vom 50. Lebensjahr bis ins hohe Alter hinein). In diesem dritten Abschnitt zeigten sich schon oft altersbedingte Leistungsminderungen, die zusammen mit typischen Alterserkrankungen ihre Prägungen hinterließen. Auch der Übergang in den Ruhestand brachte starke Eindrücke. Häufig prägten zusätzlich noch Ängste vor Altersarmut und die in dieser Altersphase unausbleiblichen Verluste von Angehörigen die älteren Menschen.
Demenziell erkrankte alte Menschen werden in ihrem Krankheitsverlauf von typischen Krankheitsbildern begleitet. Die Art der Krankheitsbilder ermöglicht eine Beurteilung darüber, welche jeweiligen Hilfen für den demenzkranken alten Menschen in Frage kommen.
Der Krankheitsverlauf verhält sich meistens diametral zum zeitlich eingespeicherten Wissen ins menschliche Gehirn und beginnt fast immer mit dem langsamen Abbau im Bereich des Kurzzeitgedächtnisses, d.h., dass die Orientierungsfähigkeit nachlässt, die Uhrzeit nicht mehr abgelesen werden kann und neben einem nachlassenden Namensgedächtnis die Erinnerung an kürzlich Passiertes oder Gesagtes zunehmend schwächer wird. Parallel dazu können die Zukunftsperspektiven und das Identitätsempfinden stark reduziert werden.
Beim Arbeiten mit demeziell Erkrankten sollte bedacht werden, dass viele von ihnen den Abbau ihrer Fähigkeiten zwar nur schwach registrieren, ihre Krankheit aber noch in ganzer Konsequenz erfassen können und deshalb oft zutiefst erschüttert sind. Krankheitsbedingt können sie jedoch ihre veränderten Gemütszustände selbst nicht kompensieren. Auffällige Wesensveränderungen wie tiefe Depressionen, oft im Wechsel mit starken Aggressionen, können deshalb die Folge sein.
Um bei Demenzkranken den jeweils noch empfundenen Lebenszeitabschnitt in ihrer Biografie ermitteln zu können, kann man sich unterschiedlicher Methoden bedienen, z.B.:
1. Die Reihe ihrer Kinder (beim ältesten Kind beginnend) aufzählen und benennen lassen, wobei das Älteste am längsten erkannt wird.
2. Alte Bilddokumente vorlegen, um beim Betrachten der Motive an den Reaktionen das spezielle Zeitfenster einer erkrankten Person ermitteln zu können.
Ich möchte diesen im jeweiligen Zeitfenster von demenziell Erkrankten als real empfundenen Lebensabschnitt schlicht und ergreifend mit ZU HAUSE bezeichnen, weil gesunde wie kranke Menschen sich zu Hause sehr gut zurechtfinden können und sich dort am wohlsten fühlen. Außerdem bestärkten mich zwei wichtige Anstöße zu dieser Formulierung:
1. Beispiel: Eine ältere demenziell erkrankte Dame löste sich nach einem meiner volkskundlichen Dia-Vorträge energisch von ihrer Familie, kam auf mich zu, umfasste meine Hand und sagte: „Es war schön, ich war endlich wieder zu Hause.“
2. Beispiel: Als ein stark an Demenz erkrankter Landwirt in das baulich sehr veränderte Altenteil seines Hofes übersiedelte, wollte er häufig „nach Hause“, obwohl er aus Sicht seiner Angehörigen doch zu Hause war. Erst nachdem er in Begleitung seiner Tochter einige Runden um den ihm bekannten und seit Jahrzehnten unveränderten Hofplatz marschiert war und dabei Umschau gehalten hatte, meinte er nach der Rückkehr in sein Zimmer: „Ja, nun bin ich wieder zu Hause“.
Demenziell Erkrankte leben und empfinden, wie bereits erwähnt, in dem ihnen jeweils noch zugänglichen begrenzten Zeitabschnitt. Mit Beginn ihrer Demenzerkrankung weist der bis dahin unbeschädigte Identitätsfaden am oberen Ende beginnend Schwachstellen auf. Dieser Faden wird im weiteren Krankheitsverlauf insgesamt schadhafter werden, was sich an den typisch veränderten Krankheitsbildern zeigt. Möchte man mit Demenzkranken kommunizieren, dann sollte man sich ihnen auf gleicher Augenhöhe nähern, d.h. sich biografisch gleichwertig kundig machen und sich dann in den Bereich des jeweiligen Biografieabschnittes (Zeitfensters) begeben.
In der Praxis hat sich gezeigt, dass durch gezielte und oft wiederholte Erinnerungsarbeit unterschiedlichster Art die Möglichkeit besteht, Gedächtnislücken wieder zu beleben, Wissensinseln zu verbinden und neue Ordnung zu schaffen. Durch eine evtl. wiedererlangte Sprechfähigkeit und weitere Anschlusstherapien kann sogar eine Stärkung der Identitätsempfindung erreicht werden, d.h. man kann den lückenhaften Faden bedingt und natürlich nur zeitbegrenzt wieder flicken.
Als wichtige Erkenntnis aus der Fülle von Therapiemöglichkeiten hat sich gezeigt, dass zu Krankheitsbeginn noch sehr vielschichtig mit abstrakten Übungen wie Gedächtnistraining u.ä.m. gearbeitet werden kann, während in den fortgeschrittenen Erkrankungsphasen im weiten Bereich des Langzeitgedächtnisses bis letztendlich zur frühen Kindheitserinnerung hin ein Zugang und eine Hilfe eher auf empathischem Wege (sich in den anderen einfühlend) möglich ist. Deshalb sollten dann wie auch immer geartete Hilfen auf die Sinne der Erkrankten ausgerichtet werden. Dabei sollten sehr belastende Biografiebereiche wie z.B. Flucht- und schlimme Misshandlungen ausgespart bleiben. Solchen Tabubereichen sollte man sich stets sehr behutsam nähern.
Für eine biografische Erinnerungsarbeit kommen somit Anstöße im Bereich folgender Sinne in Frage, nämlich durch:
- Das Riechen (Blumen, Gebäck, Duftstoffe oder Backzutaten),
- das Schmecken ( süß, sauer, bitter, fad, Gebäck, Obst, Gemüse usw.)
- das Hören ( Geräusche, gesprochene Dialekte, Musik )
- das Tasten, Fühlen ( hart, weich, stumpf, glatt, Formen- u. Oberflächenvielfalt)
- das Sehen ( Bilder als Gesprächsgrundlage und Schlüssel zum Einstieg in das jeweilige Zeitfenster)
- sowie körperliche Nähe, Wärme und Zuwendung.
Das Sehen wird in der Biografiearbeit als Prägungsschwerpunkt eingestuft. Mit den Büchern „Bilder erzählen“ und der „Aufschließfunktion“der ausgewählten Bilder ist eine nachgewiesene positive Biografiearbeit möglich. Die in den zwei Bänden den Motiven zugeordneten Beschreibungen sind für unsere heutigen jungen Therapeuten unerlässlich, wenn sie in gleichem Kenntnisstand, also „auf Augenhöhe“ mit den ihnen anvertrauten alten Menschen kommunizieren wollen. Nach der Bildauswahl und dem sich anschließenden Bildgespräch können, wie jeweils im unteren Textanhang des Buches angeregt wird, Aktivitäten im biografischen Bereich ermittelt und durchgeführt werden. Viele aufschlussreiche Rückmeldungen und Erfahrungen von Pflegekräften, die bereits mit dem ersten Band zu Hause oder im Heim gearbeitet haben, fließen in den zweiten Band mit ein.
Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen und viel Erfolg beim Arbeiten mit dem Buch
Hans Hermann Storm